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Vertigo Rush
Johann Lurf


© Sixpack

Im Zusammenspiel von Natur und (optischer) Maschine wird Verborgenes sichtbar. Das perverse Bild jener aus Lichtblitzen gebildeten künstlichen Sonne am Ende dieser Arbeit ist nichts als die Verwischung einer bewegten, in die Tiefe eines Waldstücks blickenden Filmeinstellung ? und als visuelles Potenzial darin immer schon enthalten. Die technisch aufwendige Versuchsanordnung VERTIGO RUSH besteht aus einer Serie von dolly zooms: einer Folge von in Einzelbildern aufgenommenen Kamerafahrten vorwärts und rückwärts, bei gleichzeitigem Zoom-Einsatz in jeweils gegenläufiger Richtung. Die optische Täuschung des sich zusammen schiebenden Raums wird durch zunächst sanfte, später drastische Beschleunigung dieser Pendelbewegung intensiviert ? und stufenlos der Abstraktion überantwortet, in ein ?sich auflösendes? Bild überführt.

VERTIGO RUSH lässt ? mehr noch als an Hitchcock, der vor einem halben Jahrhundert die Technik des dolly zoom in Vertigo etabliert hat ? an die kühnen Wahrnehmungsexperimente des New American Cinema der 1960er Jahre denken, insbesondere an Michael Snows strukturalistische Raum- und Bewegungsstudien, von denen eine auch diesen Film benennen könnte: Back and Forth. Die scheinbar so simple Grundsituation entfaltet genuin kinematografische Wirkung: Während in der ? erst unterschwelligen, bald nervös pochenden ? Sinustonspur die Frequenz stetig erhöht wird, dehnt und verdichtet sich der Raum, als wäre er digital animiert, während das kaum kontrollierbare Spiel des Tageslichts seine (dokumentarischen) Spuren sogar in diesem System strengster filmischer Reglementierung hinterlässt. Mit der Geschwindigkeitsanhebung (und dem Einbruch der Dunkelheit) im zweiten Teil des Films verengt sich der Bildraum zum nächtlichen Schock-Korridor. VERTIGO RUSH mündet in die reine Raserei der perspektivischen Verzerrung, in den kontrollierten Rausch der Geschwindigkeit: die serene velocity des entfesselten Maschinenblicks.
(Stefan Grissemann)


Johann Lurfs Auseinandersetzung mit dem erstmals von Hitchcock in Vertigo angewandten Verfahren des «dolly zoom» (eine Kamerafahrt und ein Zoom in zueinander entgegengesetzer Richtung), gerät zu einer berückenden Liebeserklärung an das Kino und an die Reichhaltigkeit der Filmsprache: Als überaus wirksamer Schock-Effekt in zahlreichen Kinofilmen (Jaws, Goodfellas) verwendet, steht der Drehschwindel ("vertigo") experimentierfreudige zwanzig Minuten lang erfahrbar im Mittelpunkt, seine medizinische Beschreibung gerät in Vertigo Rush zur Kinophilosophie: Ein Phänomen aus widersprüchlichen Informationen an Sinnesorgane, die am Gleichgewichtssinn beteiligt sind. (Produktionsnotiz)

Ort und Zeit der Aufführung: Zentralkino Wr. Neustadt, 04.11.2009 19:30


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