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Die Frauenkarawane
Nathalie Borgers


© poool Film

Bei den Teda im südlichen Niger haben die Männer das Sagen. Sie gehören dem Nomadenvolk der Toubou an und leben von der Kamelzucht. Es ist Männersache, die Familie zu ernähren und sich um den Viehbestand zu kümmern. Das Maß aller Dinge in der Teda-Gesellschaft ist allerdings das Kamel: der Reichtum einer Familie, der Preis einer Braut, die Sühne für eine Straftat ? alles wird in Kamelen gezählt und gemessen. eine Teda-Frau ist nur halb so viel wert wie ein männlicher Angehöriger ihres Stammes. Vor ihrer Heirat hat sie in der Gesellschaft gar keinen Status; den bekommt sie erst, wenn sie ungefragt einem Ehemann, der für sie ausgesucht wurde, verbunden wird. Ist die ochzeitszeremonie einmal vollzogen, kann sie vor ihm fliehen, kann sie sich ihm verweigern, wenn sie Glück hat, sogar die Scheidung erreichen und dann als eine freie und auch respektierte Frau leben.
Einmal im Jahr aber lassen die meisten Männer ihre Frauen allein mit den Kindern ziehen, und sie haben guten Grund, ihnen zu vertrauen. Denn die Frauen kommen zurück mit den Erträgen der Dattelernte, die sie in den nördlichen Oasen durchgeführt haben und sie sind es letztendlich, die damit ein Jahr lang ihre Familie ernähren.
Paradox und ungerecht, restriktiv und dann wieder unvermittelt tolerant scheint diese kleine Nomadengesellschaft zu sein, die Nathalie Borgers an den südlichen Rändern der Sahara angetroffen hat. Doch je länger sie in Die Frauenkarawane unter sengender Hitze einer gut dreißigköpfigen Karawane mit Frauen und Kindern folgt und nachts unter freiem Himmel den Geschichten und dem Tratsch der Teda-Frauen lauscht, umso deutlicher wird, wie sich hier ein kleines, funktionierendes System gegenseitiger Abhängigkeiten etabliert hat, das im Notfall das Überleben aller in einem Lebensraum zu sichern versucht, wo für die Tiere, die Männer wie die Frauen stets eine das letzte Wort hat ? die Wüste selbst.

In bestechenden Totalen führt Jean-Paul Meurisses Kamera immer wieder die Relation zwischen der gigantischen Weitläufigkeit der Natur und der kleinteiligen Karawane vor Augen, die sich angesichts des Ballasts, der Hitze und des dürftigen Schuhwerks mit beeindruckender Geschwindigkeit und dank der erfahrenen Domagali mit untrüglicher Sicherheit durch die unerschließbaren Weiten der Sanddünen bewegt. Warum sich jemand aus so großer Ferne
für ihre Lebensweise interessieren mochte, war den Teda-Frauen ebenso rätselhaft, wie die Tatsache, dass Nathalie Borgers im Zuge der Recherchen freiwillig mit ihnen ein Stück des Karawanenweges zurücklegte. Doch gerade damit war auch der Bann der Fremdheit zwischen ihr und ihren Protagonistinnen gebrochen und das Tor geöffnet zu einer Begegnung unter Frauen, Artgenossinnen, Komplizinnen: Frauen, die trotz aller Abhängigkeiten um ihre Selbständigkeit Wissen, ältere Frauen, die ihre Existenz in der Wüste in all ihrer Dürre und Härte hinnehmen und ihr aufrichtig verbunden sind, jüngere Frauen, die von einem weniger beschwerlichen Dasein träumen und dafür zumindest kleine Weichen stellen.
Manchmal gelingt es einem jungen Mann auch, seine Braut, die er zwar nicht kennt, für die er aber auf alle Fälle einen teuren Preis zu zahlen hätte, in einer geheimen Aktion zu rauben. „Wenn eine Braut entführt wird,“ so erzählt Mariama, „dann werden ihr für einige Tage wie den Kamelen die Füsse gebunden, damit sie nicht davonlaufen kann.“ Die Kamele erweisen sich im Laufe des Films als ziemlich rebellische Weggenossen, die es unsanft zu bändigen, aber auch bei Laune zu halten gilt. Und auch den Teda-Männern bleibt im Umgang mit ihren Frauen letztendlich keine Wahl, denn das Geflecht der Abhängigkeiten ist eng auf den kargen Wüstenpfaden, auf denen Nathalie Borgers einen in sich geschlossenen Lebensraum zwischen Hinnahme und Aufbegehren erkundet hat.


Website zum Film
Trailer YouTube OmU
Filmkritik des Standards

Ort und Zeit der Aufführung: Zentralkinocenter Wr. Neustadt, 02.05.2012 19:30


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